Auf dem Holzweg im Mendlingtal

von Marcel Kalisch
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Eine Reise zurück in die Vergangenheit. Eine Reise zurück in die Zeit der Hammerherren, in die Zeit der Schmiedegesellen, zurück in die Zeit der Holzknechte. Im Mendlingtal trifft Geschichte auf Natur - dreieinhalb Kilometer durch das Tal, wo einst die Hammerherren, Schmiedegesellen und Holzknechte auf Stegen, Brücken und Waldwegen durch die atemberaubenden Schluchten und den idyllischen Auwäldern während ihrer Arbeit stolzierten. Tauchen Sie in die wunderbare Reise am kühlen, klaren Wasser ein. Eine Reise durch das Mendlingtal, fernab vom Alltag, fernab vom Stress.

Bereits bei der Durchfahrt in Göstling an der Ybbs, wo das Mendlingtal von den blühenden Almwiesen und den wildromantischen Alpen eingebettet wird, ist die Vergangenheit als einst der wichtigsten eisenproduzierenden Regionen Europas noch heute sehr gut erkennbar. Neben den Wäldern um Göstling an der Ybbs, welche nahezu einen mystischen Charakter aufweisen, sind noch die typischen mächtigen Bauern- und Gutshöfe gut erkennbar, welche nach wie vor den bäuerlichen Wohlstand aus der Vergangenheit repräsentieren.

Der eigentliche Startpunkt für eine Reise in die Vergangenheit liegt beim Dorfteich in Lassing. Von dort aus führt ein Schotterweg direkt neben der Bundesstraße talabwärts in das Mendlingtal, wo letzten Endes als ersteres das im Jahr 1498 erbaute Schmiedegesellenhaus erreicht wird. Ein Besuch des im Jahre 2002 restaurierten Hauses lohnt sich nicht nur, sondern ist für das Verständnis während der Wanderung absolut zu empfehlen - neben einer umfangreichen Fotodokumentation der damaligen Lebensumstände der Schmiedegesellen und der Holzknechte, ist es ein sehr informativ grundlegender Start für eine Wanderung durch das Mendlingtal. Zu den Highlights des Schmiedegesellenhauses zählt definitiv die Rauchkuchl (also eine Küche, in der auf offenem Feuer gekocht wurde) sowie auch die Schmiedeesse (also eine offene Feuerstelle, in dem die Metallteile für das Schmieden erwärmt wurden). Wem nach diesem Rundgang der Kopf der geschichtlichen Theorie qualmt, hat im Anschluss daran die Chance endlich die geschichtliche Praxis kennenzulernen. Ein paar Meter weiter entfernt steht die Zugsägeschneide, wo endlich nicht nur die partnerliche Koordination geübt werden kann, sondern endlich auch als Gegenpart zur Theorie der Bizeps zum qualmen anfängt. Was für ein schöner Start für Körper und Geist! Wer eine Scheibe des Baumstammes geschafft hat, darf sich weiter auf dem Pfad Richtung Triftanlage bewegen. Die Holz-Triftanlage im Mendlingtal ist die letzte funktionsfähige Anlage in Mitteleuropa und hat einst vor hunderten von Jahren es den Holzknechten ermöglicht, die in den Schluchten gefällten Baumstämme hinaus auf eine Sammelstelle zu befördern. Ein technisch gesehen Spektakuläres Ereignis und für Photographen wird es Zeit, endlich den Rucksack mit den ganzen Utensilien auszupacken. Nach diesem theoretischen und praktischen Spektakel fängt das Naturparadies erst einmal richtig an. Auf 2,5 Kilometer geht es auf Stegen, Brücken und Waldwegen durch das Tal, immer entlang des Mendlingbaches. Die teilweise ausgewaschenen Schluchten machen das Wandern nicht ganz ungefährlich und stellt klein wie groß vor bizarre Herausforderungen - allerdings vor bizarre schöne Herausforderungen. Die zahlreichen Talbecken mit seinen traumhaften Schluchtenabschnitten und den verschlungenen Bachläufen in einer unberührten Landschaft lassen den einen oder anderen Gedanken in Vergessenheit geraten. Hier wird der Kopf frei, frei vom stressigen Alltagsleben, frei von den alltäglichen Sorgen oder Problemen, frei von den „Das muss ich noch erledigen“-Gedanken. Bei der Wanderung durch das Mendlingtal versinkt jeder einzelne Wanderer in seine Gedanken. Es wird tief Luft geholt, das kühle Nass des Baches macht sich bis in den letzten Ecken der Lungenflügel spürbar. Das frische Grün am Ufer beschert einem harmonisch Wohlige Gefühle. Die Kraft der Natur wird richtig spürbar. Der Mensch genießt, der Mensch wird selbst. Die technischen Meisterwerke aus der Vergangenheit sind bewundernswert, sie verleihen dem ganzen einen goldigen Hauch der Faszination. Die Gedanken fallen in die eisenproduzierende Zeit zurück, die harte Arbeit im Mendlingtal lässt sich nur erahnen. Wer die Lauscher spitzt und keinen Ton von sich gibt, wird vielleicht noch die Säge und die Zurufe der Holzknechte vernehmen können - aber nur vielleicht.

Durch die idyllischen Auwälder führt die Wanderung vorbei an einigen Jausenstationen, wo bei Bedarf nicht nur eine Kleinigkeit zur Stärkung eingenommen und sich über das Erlebte und Gelehrte ausgetauscht werden kann, sondern einen geschichtlichen Einblick in die Hütten bekommt, wo einst die Holzknechte vor widrigen Witterungsverhältnissen Schutz suchten oder selbst pausierten. Danach darf noch als Vorletzter Augenschmaus auf die aus dem vorigen Jahrhundert stammende Mühle geblickt werde, bevor als Ziel das Gasthaus Hammerherrenhaus erreicht wird. Das Mendlingtal ist nicht nur mit seinen Attraktionen eine echte Seltenheit, sondern auch das harmonische Spiel zwischen der Schluchten und des Mendlingbaches machen die gesamte Naturlandschaft zu einer Rarität.

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