Die kleine Labyrinthenstadt Marburg

von Marcel Kalisch
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„Pfingsten ist zum Zeichen dafür geworden, dass es möglich ist, Grenzen zu überwinden und sich über Grenzen hinweg zu verständigen“, hat einmal der Pfarrer Michael Feiler in einer seiner unzähligen Reden gesagt. Im Laufe der Zeit hat sich gerade in Bezug von Freundschaften einiges verändert, gerade was den persönlichen Werdegang angeht - egal ob beruflich oder privat. Was bedeutet, dass einer meiner Freunde nun seit vielen Jahren in Marburg an der Lahn wohnt und wir uns nicht wirklich mehr regelmäßig sehen können. Die Zeit zu Pfingsten war also gerade perfekt, nicht nur gespannt auf eine neue Stadt zu sein, sondern auch endlich wieder meinen alten Freund zu sehen und die Grenzen hinter sich zu lassen - auch wenn nur für ein paar Tage, aber es waren ein paar wertvolle Tage. „Doch Moment einmal, Marburg? Wo ist Marburg?“ Selten hat jemand schon einmal etwas über Marburg an der Lahn gehört und auch aus diesem Grund sind wir eine solche Reaktion bereits mehr als vertraut - gerade was unseren Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis angeht. Marburg ist bei weitem mehr, als ein unbekannter Fleck auf der Landkarte. Mit ihrer Universität, dem Schloss und der Oberstadt hat Marburg einiges zu bieten - man muss sich nur auskennen: Aber zum Glück haben wir da ja noch unseren guten alten Freund, welcher liebend gern den Reiseführer für uns gespielt hat. Mit Spannung, geladener Kamera, der gewachsenen Neugierde und Aufmerksamkeitsspanne sowie mit ausreichend Gesprächsstoff ging es mit unserem Freund durch Marburg, der kleinen Labyrinthenstadt im Bundesland Hessen.

Ehrlich geschrieben, als wir aus dem Hauptbahnhof hinaus gelaufen sind, offenbart sich Marburg nicht unbedingt von seiner charmanten Seite. Gleich am Anfang dieser große unübersichtliche Platz, welcher vorrangig als Bushaltestelle genutzt wird, dann fällt einem gleich die Hochstraße auf den Kopf und über der Elisabethbrücke entlang weiter auf die Bahnhofstraße, zeigt sich die Stadt auch nicht wirklich von seiner schönsten Seite. Gerade das Tor zur Stadt sollte in den nächsten Jahren ein Umdenken in der Gestaltung und Planung hervorrufen, um Marburg so präsentieren zu können, wie es eine solche historische Stadt auch verdient hat. Mit dem Bau des Zentrums für Vermögensberatung und der damit stattgefundenen Neugestaltung des Grundstücksareals (und darüber hinaus) ging es ja schließlich auch - aber das nur nebenbei als eine rein subjektive Darstellung.

So richtig Marburg kennenlernen? Da hilft nur ein Spaziergang, um die Stadt der Studierenden und ihre Schätze zu entdecken! Genau den legten wir kurz nach unserer Ankunft auch ein. Wir schlenderten entlang der Lahn, besuchten den kollektiven „Onkel Emma“-Laden, stöberten in der politischen Buchhandlung „Roter Stern“ und tranken letzten Endes in einem gemütlichen Lokal auf der Terrasse ein Club Mate, genossen die Sicht auf die Lahn, mit seiner im Hintergrund blühend grünen Landschaft. Himmlisch. Der Ankunftstag ging schneller vorbei, als uns eigentlich recht war - obwohl durch die lange Fahrt, der wenige Schlaf und die müden Füße wir dann doch dankbar über ein Ende des Tages waren.

Marburg ist eine bekannte Universitätsstadt, wo von insgesamt gerade einmal ca. 73.000 EinwohnerInnen immerhin 25.000 Studierende leben und eine lange und vor allem interessante Geschichte aufweist. Was Marburg geschichtlich geprägt hat, war definitiv der erbaute deutsche Orden zu Ehren der Heiligen Elisabeth. Der Geschichte wollten wir natürlich auf den Grund gehen und pilgerten durch die Stadt, entlang an den historischen Bauten, entlang an den unzähligen wunderschönen Fachwerkhäusern, bis hin zu einem starken Anstieg zur Oberstadt. Die Oberstadt gab uns mit seinem mittelalterlichen Flair schnell das Gefühl, als wären wir im 13. Jahrhundert. Das, was Marburg wirklich ausmacht, findet ihr definitiv in der Oberstadt. Sie könnte als Filmkulisse dienen, dieses Viertel beherzigt so viele Gründerzeitliche Bauten, es ist einfach nur atemberaubend. Diese kleinen urigen, verwinkelten und (wie ich es bereits schon geschrieben hatte) altertümlichen Straßenzüge. Einer der bekannten Regisseure von Harry Potter hätte für Teile seines Filmes den heißen Tipp mit Marburg bekommen sollen, das hätte mit Sicherheit den Film um einiges besser in Szene gesetzt. Hätten wir nicht unseren Freund dabei gehabt, wir hätten uns durch das Labyrinth verlaufen oder wären zumindest im Kreis gewandert. Übrigens: Schon einst die Gebrüder Grimm sind diese Gassen entlang gelaufen, was vom Stadtmarketing gut genutzt wurde und so sind an bestimmten Orten in Marburg Figuren vorzufinden, welche zum Beispiel die Wesen aus „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ darstellen. Achtet bei eurem Besuch in Marburg auf bestimmte Stellen an Häusern, Treppen und Mauern. Die Kunstwerke sind teilweise in luftiger Höhe angebracht. Was darf in Marburg auf jeden Fall nicht versäumt werden? Genau, ein Besuch des Landgrafenschlosses. Von der Oberstadt aus führen uns auf kürzestem Wege insgesamt 175 Treppenstufen hinauf zum Marburger Schloss. Zugegebener Maßen, der Aufstieg erfordert eine gute Grundkondition, aber letzten Endes wird diese Mühe nicht nur mit einer wahnsinnig schönen Aussicht belohnt, sondern auch mit einem wahnsinnig tollen Schloss, welcher durch sein prägnantes Bauwerk geprägt ist und das allgemeine Stadtbild prägt. Im Rahmen einer Führung konnten wir viele Informationen erfahren, von der Entstehung Marburg’s bis hin zu den Hintergründen zur Entstehung des Schlosses - viel zu viele, einige Informationen waren (leider) wieder schneller in Vergessenheit geraten, als uns lieb war. Am Ende des Tages stand noch ein Besuch durch das Marburger Nachtleben an. Wer allerdings in Marburg nach einer Großraumdiskothek sucht, wird vergeblich die ganze Stadt auf den Kopf stellen. Davon abgesehen wären solche Einrichtungen in Marburg einfach nur deplatziert. Eher ist die Möglichkeit gegeben, Marburg’s Nachtleben kennenzulernen, das eher in Form einer Kneipenkultur geprägt ist. Viele Kneipen konnten wir natürlich aufgrund des zu kurzen Aufenthaltes nicht in Erfahrung bringen, aber was ein Tipp von unserem Freund war, war das Sudhaus im Steinweg. Wir waren überrascht. Überrascht über das nette und einfach gehaltene Lokal. Überrascht über die Freundlichkeit der MitarbeiterInnen. Überrascht, wie geschmeidig es in diesem Lokal von sich geht. In der einen Hälfte lief laute rockige Musik, wo die Krüge aneinander gestoßen worden sind und sich ins Ohr geschrien wurde. Auf der anderen Seite des Raumes war es eher idyllisch und die Gäste kickerten eine Runde. Wie wir auch. Leider sind meine Kickererfahrungen etwas eingerostet, aber wir hatten dennoch Spaß am Spiel und verloren nur ganz knapp. Beim Pilgern durch die kleinen urigen, verwinkelten Gassen stießen wir auch auf eine Bar, wo den MitarbeiterInnen ein Hinkelstein über ihren Köpfen aufgegangen wurde. Ein alter Gewölbekeller, mittelalterlich geprägt und ein Traum für jeden Kneipennostalgiker. Beim nächsten Besuch in Marburg werden wir dieser Kneipe definitiv auch einen Besuch abstatten (müssen).

Zum Schluss unseres Besuches ging es noch auf die Lahnberge. Auf Wunsch von Sandra haben wir dem Botanischen Garten einen Besuch abgestattet. Empfehlens- und sehenswert, keine Frage. Obwohl meine Lust auf einen Botanischen Garten eher gering war, war ich am Ende positiv angetan. Der Botanische Garten gehört zur ältesten noch bestehenden protestantischen Hochschule, der Philipps-Universität und ist mit seinen ca. 20 ha einer der größten Botanischen Gärten Deutschlands. Was für eine Geschichte. Vom Botanischen Garten ging es weiter entlang auf den Lahnbergen in Richtung des Kaiser-Wilhelm-Turmes, ein 36 Meter hoher Aussichtsturm, welcher 1890 fertig gestellt wurde und an den deutsch-französischen Krieg erinnern soll. Mittlerweile ist er natürlich ein beliebtes Ausflugsziel der umliegenden Bevölkerung wie auch bei Touristen aus aller Welt und der Aufstieg wird mit einer weiteren atemberaubenden Aussicht über Marburg belohnt. Seit 2007 wurde am historischen Turm eine Lichtinstallation namens „Siebensiebenzwölfnullsieben“ ansässig des Elisabethjahres installiert, mit einem Anruf und einer Gebührenentschädigung ist es möglich, diese Lichtinstallation für eine Minute zum Leuchten zu bringen. Ob das Projekt wirklich hätte sein müssen, darüber kann natürlich gerne gestritten werden. Wir amüsierten uns jeden Falls an dieser merkwürdigen Lichtinstallation und nach ein paar organisatorischen Aufnahmen über Marburg, verließen wir den Lahnberg Richtung Stadt, wo uns zum letzten Abend ein leckeres Abendessen im Burgerlokal bevorstand. Verdient, versteht sich ;) Am Ende bedanken wir uns natürlich bei unserem alten Freund, welcher uns die wunderschönen Tage nicht nur gewissenhaft beschert hatte, sondern uns auch noch Unterschlupf gegeben hatte.

Tipps:
  • Ein Spaziergang an der Lahn, es wird euch in dieser idyllischen Umgebung eine Freude bereiten. Falls ihr dann schon einmal dort seid, dann genießt auch eines der recht zahlreichen netten kleinen Cafés. Empfehlen können wir euch das Café „Cafe am Grün“ im Südviertel von Marburg, ein nettes Lokal mit einem revolutionären Marburger Charme. Geprägt ist das Lokal von einer studentischen und (links) politischen Atmosphäre. Uns hat es dort sehr gefallen, vor allem weil es dort kein Schicki-Micki gibt und es daher sehr locker und angenehm vonstatten geht.
  • Ein Spaziergang in der Unter- und Oberstadt, lasst euch von den kleinen verwinkelten urigen Gassen treiben und saugt das Stadtleben ein - wobei gerade die Oberstadt vorrangig besichtigt werden sollte. Achtet dabei auf die Figuren aus den Gebrüder Grimm Märchen, hier kann nebenbei ein Ratespiel ganz amüsant werden.
  • Das Marburger Schloss, oder auch Landgrafenschloss genannt, ist ein Besuch auf jeden Fall Wert und eigentlich auch Pflicht. Solltet Ihr kein Interesse an Burgen haben, kein Problem, denn dort gibt es ein nettes Café zum verweilen und so könnt ihr wenigstens die Aussicht über Marburg genießen. Wer sich jedoch für das Schloss interessieren sollte, dann empfehlen wir die einstündige Führung (8€ pro Person) mit vielen vielen interessanten Informationen über die Stadt und der Burg.
  • Genießt als Nachtwächter die Kneipenkultur in Marburg, es lohnt sich. In der Oberstadt gibt es viele kleine und mittlere Kneipen und mittelalterliche Gewölbekeller, welche nur so schreien „besichtigt“ zu werden. Zum Wohl.
  • Der Besuch des Botanischen Gartens und des Kaiser-Wilhelm-Turmes, beides ist vom Prinzip her ein MUSS gesehen zu werden. Der Spaziergang durch die Lahnberge wird euch neue Energie zum Denken schenken und die Aussicht wird euch im Anschluss daran entzücken und das ganze ein bisschen abrunden.
  • Bei Gastronomischen Einrichtungen können wir leider aufgrund der wenigen Besuche kaum etwas wirklich empfehlen, auch weil wir leider jetzt keine direkten Vergleiche erzielen können. Was uns aber echt angetan hatte, war das Burgerlokal „Felix“, das griechische Restaurant „Lokomotive“ (wobei wir sagen müssen, noch nie so leckeren Gyros gegessen zu haben), das Café „Cafe am Grün“ sowie die Kneipe Sudhaus (welches direkt an der Elisabethkirche liegt).
  • Wir haben was wesentliches vergessen? Schreib es uns doch einfach und lass es auch andere wissen…

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